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Die Vor-Geschichte

 

Als Rain Sultanov mir seinen Traum erzählt, versinkt er kurz in die entrückte Imagination eines Luftgitarre-Spielers, bevor seine Gesichtszüge in die Realität zurückkehren: Zu schön, um wahr zu werden. Es ist Frühjahr 2011, Botschafter Quelle hat uns kurz zuvor bekannt gemacht, nach dem Konzert eines deutschen Flötenquartetts im Bakuer Kapellhaus. Wenig später sind wir Freunde.

 

Rain Sultanov, 48, spielt Saxophon; nicht nur in Aserbaidschan ist er ein bekannter Musiker, wie das referentielle name dropping früherer Mitspieler belegt: Kenny Wheeler, Barbara Dennerlein, Michael Schiefel, Bobo Stenson, Matthew Garrison, Adam Rogers, Florian Ross, Perry Robinson. Rain hat zahlreiche Platten veröffentlicht, im Ausland gespielt (u. a. Deutschland, USA, Russland, England, Georgien, Türkei, Zypern, Norwegen, Schweiz, Malaysia) und einige Festivals selber organisiert, darunter 2009 das deutsche Jazzfestival in Baku. Jährlich vertritt er Aserbaidschan auf der weltgrößten Jazzmesse »Jazzahead« in Bremen. Mit seiner Frau Leyla hat er eine Anthologie des aserbaidschanischen Jazz’ veröffentlicht, gemeinsam geben sie halbjährlich die Zeitschrift »Jazz Düniyasi« heraus. 

 

Und dennoch ist Rain Sultanov zuletzt im aserbaidschanischen Jazz irgendwie heimatlos geworden. Nur selten findet man seinen Namen im Programm des einzig verbliebenen Jazzclubs in der Berbudov Straße, aus dem es zunehmend poppig tönt, nach Anbiederung bei den 7 jungen, cocktail trinkenden Frauen, die gleichwohl von ihren weißen Smartphones fast nie aufschauen. Hier verkauft ein R.S. sich nicht. Wenn er sich schon verkaufen muss, dann so, dass gar niemand erst auf die Idee kommt.

 

Der aserbaidschanische Jazz war einst ziemlich berühmt; Baku galt als die heimliche Jazz-Hauptstadt der Sowjet union. Das lag daran, dass man hier den Saft nicht aus den amerikanischen Wurzeln saugen musste, sondern sich auf eine eigeneTradition beziehen konnte, in der die Improvisation schonlange zum guten Ton gehört – den Mugham. An der Traditionspflege scheiden sich nun mehr die Geister. Immer dann, wenn der heimische Jazz sich zum Mugham bekennt und ihn aufnimmt, ist er interessant und spannend. Sobald aber aserbaidschanische Musiker ihre Herkunft verleugnen, weil sie im Mugham das Stigma des Hinterwäldlertums fürchten, gerät ihr Spiel oft belanglos und öde. Für den Erfolg in der modernen aserbaidschanischen Gesellschaft kommt es auf Authentizität nicht an. Hier zählt nur ein Attribut, dasden Gewinner ausmacht: prestischnij. Es geht um die Geltung,nicht um das Eigentliche. Ein Porsche ist ein »prestischnij«Automobil, ein Sushi-Laden ein »prestischnij« Restaurant. Auch der Jazz kann »prestischnij« sein. Die staatlicheaserbaidschanische Ölgesellschaft SOCAR ist Hauptsponsor des sogenannten Jazz festivals in Montreux. Und das Baku Jazz Festival warb 2013 nur mit prestischnij Stars aus dem Ausland. Da spielte es keine Rolle, dass sich von denen heutzutage kaum gewichtigeres sagen lässt, als dass sie vor 30 Jahren mal Baß in der Band von Miles Davis oder sonst wo spielten. Zeit genössische, sich dem globalisierten »Schöner Wohnen« verweigern de Musik kam auf diesem Festival nicht vor – und heimische nur in den Nischenveranstaltungen. 

 

Insofern ist prestischnij ein für die aserbaidschanische Kultur verheerender Wert. Sicher, ihm sind einige Orte ungewöhnlicher, gar bezaubern der Architektur zu verdanken, wie das von der irakisch-britischen Architektin Zaha Hadid entworfene Heydar Aliyev-Kulturzentrum. Im Allgemeinen aber sorgt der zuvorderst am Prestige (gewinn) orientierte Kulturbegriff für die Anpassungan den entkoffeinierten westlichen Mainstream. Immer öfter ist zu beobachten, dass die auf Außenwirkung zielende Kunst auf ein gleichermaßen auf Außenwirkung bedachtes Publikum trifft; Hundchen und Herrchen führen ein ander vor und passen sich einander an. W konze konzow, zu schlechter Letzt, ist dem Neureichen – und da kann er einem schon fast leid tun – nicht einmal der Genuss gegeben.

 

Und warum ist das alles so? Weil keiner erwartet, das von der Kunst Impulse auf das Leben ausgehen. Den junge Maler zieht es zur Messe nach Basel und den jungen Jazzer zum Festival nach Montreux. Da spielt er dann mit seinen Konservatoriumshänden das Publikum schwindlig: höher-schneller-weiter. Aber er hat keine Idee, was er spielen soll. Und dann sitzt mir Rain Sultanov gegenüber, der sich immer ein paar Gedanken zu viel macht, und weiß ziemlich genau, was er spielen will – und wo.

 

Aserbaidschan ist so groß wie Österreich. Auf dieser relativ kleinen Fläche sind neun der elf Klimazonen vertreten, die es weltweit gibt. »Weißt du«, eröffnete mir Rain, »ich träume schon sehr lange davon, ein Album aufzunehmen, das diese Vielfalt meines Landes musikalisch abbildet. Neun Stücke auf einer CD. Ich möchte zeigen, wie Aserbaidschan klingt.«Das wollte ich fortan auch wissen. Auch weil klar war, dass man sich an diese Orte begeben muss, um ihren genius loci zu erfahren. Und mehr als das: Gemeinsam mit Antje Dombrowsky, meiner Frau, will ich diese Reise in einem Film dokumentieren. Schon einmal, 2009, hatten wir einen Film gemacht über die Wechselbeziehung von Musik und Gesellschaft in einer deutschen Kleinstadt (»Die Aktivisten. Wie der Jazz in die Stadt kam.«). Jetzt hatte Rain ein Programm für uns, Aserbaidschan besser kennenzulernen. Was Rain nicht hatte, war Geld, um sein Projekt zu realisieren.

 

So wurde ich zum Produzenten. Was nur ein anderes, wohlklingenderes Wort ist für »Geldauftreiber«. Ich recherchierte, schrieb e-mails und Briefe, telefonierte. Gewann immer mehr Liebhaber für unser Projekt, aber keine Mäzene. Gemeinsam mit Rain präsentierte ich unser Vorhaben auf der Mitgliederversammlung der Deutsch-Aserbaidschanischen Auslandshandelskammer. Über 140 Firmen sind hier eingetragen, auf dem Weg zum Hyatt hatte Rain Dollarzeichen in den Augen. »Wir möchten Ihnen weniger ein Projekt vorstellen, als Sie vielmehr mit unserer Leidenschaft anstecken«, predigte ich; Rain verteilte großzügig CDs. »Und?« fragte er anderntags am Telefon. Nichts. Kein einziger Manat. Immerhin, die AHK versprach Geld und der Botschafter öffnete sein privates Portemonaie. Für die Wirtschaft aber war unser Projekt offenbar – nicht prestischnij. Mit dem Vertreter einer deutschen Firma verabredeten wir uns für eine von Rains abendlichen »Brot & Butter«-Bespielungen im Kempinski. Wir warteten drei Stunden vergeblich. Ein neuer Termin. Wieder warteten wir. Ein Anruf, eine Entschuldigung, ich solle den Businessplan mailen, jeder Betrag unter 15.000 Euro sei für ihn »Pillepalle«. Ich schickte unser Konzept und erhielt nie eine Antwort. Bei der nächsten Mitgliederversammlung mache ich mich über den Vertreter einer deutschen Bank an den Vertreter einer aserbaidschanischen Bank heran, die im Ruf steht, mit Kulturförderung gern ihr Image aufzubessern. Man ist freundlich und wohlgesonnen, für’s Image aber haben Jazz und Landschaft wohl zu wenig Glamour.

 

Wir sind kurz vorm Aufgeben, da entdecken GIZ-Kollegen das Potential unseres Projekts für ihre Zwecke. Das Biodiversitäts-Programm unterstützt in Aserbaidschan den Naturschutz, die Erhaltung der Artenvielfalt, Wald-, 11 Weide- und Landwirtschaft nicht nur mit fachlicher Expertise, sondern bezieht über Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit auch die Bevölkerung in diese Arbeit ein. Und da könnte man doch, reckte sich vage eine mutige Idee, den didaktischen Zeigefinger einfach unten und stattdessen bekannte aserbaidschanische Musiker durchs Land reisen und musizierend für seine Schönheit und Bewahrung werben lassen. Volkshochschule mit den Mitteln der Musik und des Films sozusagen. Natürlich war es für das Engagement, mit dem die Worte bald zu Taten wurden, nicht von Nachteil, das Christian Gönner, der langjährige Leiter des BioDiv-Teams in Baku, und HaJo Lipp, Chef des Programms für den gesamten Südkaukasus, ausgewiesene Liebhaber der Musik Rain Sultanovs sind. Oliver Kögler, den noch neuen Nachfolger Christian Gönners in Aserbaidschan, hatten sie bald überzeugt. Wenig später sagt er die Finanzierung aus seinem Budget zu. 

 

Die folgenden Wochen brachten Oliver ungewohnte, mühselige Arbeit. Spesen mussten kalkuliert, Musikerhonorare ausgehandelt, Verträge aufgesetzt werden. Keiner von uns hatte je ein Tonstudio in Norwegen unter Vertrag genommen. Und natürlich lag auf dem Geldtopf ein Deckel, mussten Abstriche gemacht und Kompromisse eingegangen werden. Ursprünglich hatten wir vor, je eine Woche im Herbst und im Frühling zu drehen. Letztlich beschränkten wir uns auf eine Tour im Oktober. Rain gab sich mit dem geringsten Honorar aller Beteiligten zufrieden. Immerhin, sagten wir uns, wird er am Ende eine Musik und die Rechte daran haben und eine Zeit lang von ihrer Verwertung leben können.

 

Ein Trugschluss. In Baku gibt es vielleicht drei Läden, die Original-CDs anbieten. Gelegentlich kaufen Touristen oder Expats dort die Platten von Rain Sultanov. Der Aserbaidschaner gibt für CDs kein Geld aus, jedenfalls nicht mehr als 3 Euro, für die er überall die Raubkopien westlicher Musik erhalten kann. Radio- und Fernsehstationen zahlen keine Tantiemen, sie bedienen sich frei im Internet. Rain wird auch seine neue CD überwiegend verschenken, an Freunde, Musiker, Konzertbesucher, notfalls an Polizisten. 2008 hat er seine letzte Platte produziert, »Tale of my land«. Der Reingewinn der neuen CD wird für ihn darin bestehen, nach sechs Jahren wieder ein künstlerisches Lebenszeichen zu setzen.

 

Während Oliver das Geschäftliche abwickelte, berieten Christian Gönner und ich das Konzept. »Du kannst Klimazonen nur schwer abbilden, sie sind nicht speziell genug«, riet Christian. »Bezieht Euch lieber auf die verschiedenen Ökosysteme, auf Landschaftstypen, da hat Aserbaidschan immerhin sieben in sehr ausgeprägter, schöner Form zu bieten.« Und so trug unser Projekt bald den Arbeitstitel »Sieben Klanglandschaften«, aus dem später »Yeddi Gözel – Die sieben Schönheiten Aserbaidschans« und schließlich der Internationalität der GIZ Rechnung tragend »Inspired by Nature – Seven Sounds of Azerbaijan« wurde. Für mich selbst bin ich bei den »Beauties« geblieben. Bald zu den Schönheiten des Landes aufzubrechen, gab meiner Vorfreude am besten Ausdruck.

 

Und dann ging es los.

 

Montag 14. October 2013

 

Mehr als zwei Jahre Träumerei, Sponsorensuche, Planung und Organisation liegen hinter uns – die Reise beginnt! Rain Sultanov holt den übernächtigten Irakli Koiava vom Nachtzug Tiflis — Baku ab, er selbst ist gerädert von der Hochzeit seiner Nichte am Vorabend und wir haben vor Aufregung schlecht geschlafen. Antje hat wieder und wieder die Ausrüstung kontrolliert; Stativkopf, Reflektor und anderes sind erst am Sonntag mit einem verspäteten Koffer aus Berlin eingetroffen. Viele Menschen haben wir inzwischen mit dem »Seven beauties«-Virus angesteckt, sogar Artur, unseren GIZ-Kraftfahrer. Er hat vorsorglich frische Bremsbeläge aufziehen lassen, bevor er mir am Morgen den Passat für die große Tour übergibt.

 

Die neuen Bremsen benötigen wir schon am Bakuer Stadtrand, wo ich den Abzweig nach Samaxi verpasse, scharf über die Mittellinie wende – und sofort Blaulicht im Rückspiegel habe. Die bewährte »Nix verstehen«-Masche funktioniert auch diesmal, der Ordnungshüter kapituliert sprachlos. Rain erwischt es wenig später beim verbotenen Überholen, er entkommt der Staatsmacht mit einer CD als Geschenk und dem Hinweis, anerkannter Künstler Aserbaidschans zu sein. Die monatliche Apanage von 50 Manat wäre andernfalls für das Bußgeld draufgegangen. Seitdem weiß ich, warum unter seinem Autositz immer einige CDs 19 liegen.

 

Auf einem Parkplatz vor Samaxi halten wir. Rain sieht furchtbar aus und bittet um eine Kopfschmerztablette. Die Verpackung fällt in die Landschaft, Irakli hebt sie auf und grinst: »Eh, ich denke wir machen ein Naturprojekt?!« Da wissen wir: Es regnet, die Berge liegen in Wolken, aber mit dieser Frohnatur im Team wird alles gut. Weil Irakli ständig fotografieren will, fahren wir bald unserem Zeitplan hinterher. Als wir die steile schwarze Felswand kurz vor Lahic erreichen, geraten beide Musiker vollends aus dem Häuschen: Irre, was für eine Landschaft! Wo habt ihr uns nur hingebracht, tausend Dank! Rain ist wie viele Aserbaidschaner: Stolz auf sein Land, aber kennt es nicht.

 

Rustam Rustamov heißt uns in seinem Gästehaus willkommen. In unser Zimmer hat er die letzten Rosen des Jahres gestellt, einen prächtigen Strauß zu Antjes Geburtstag. Aus Kostengründen teilen sich auch Irakli und Rain ein Doppelzimmer, was – angesichts des Ehebettes – für Gelächter sorgt. Wir haben mit dem Drehen noch gar nicht begonnen, da müssen wir schon den Plan ändern. Eigentlich wollten wir nach dem Mittagessen gemeinsam mit einigen Kindern im Nachbardorf Ähen musizieren: »Wie klingt es, wenn der Herbststurm in die Bäume fegt oder der Regen auf Eure Dächer trommelt?« Doch wir sind zu spät, der Lehrer hat die Schüler nicht halten können. »Ich organisiere das für morgen«, sagt Rustam. »Aber morgen ist doch Gurban bayram, Opferfest, schulfrei«, erwidere ich. Eine Lösung ist nicht in Sicht.

 

Sie ergibt sich innerhalb einer Stunde. Auf dem Spaziergang hinein nach Lahic leert sich vor unseren Augen die Dorfschule. Wir fangen ein paar uniformierte Zehnjährige ab, Irakli packt seinen Klapperrucksack aus, drückt den Kindern Rasseln und Schellen in die Hände und gibt auf einer Kuhglocke den Rhythmus vor. Antje lässt sofort die Kamera laufen, ich bin mit dem Ton noch ungeübt und benötige einige Minuten, bis alle Kabel stecken und die Schalter auf on sind. Ein aserischer Bursche betrachtet derweil das erhaltene Instrument als Geschenk und verdrückt sich nach Hause; Irakli muss Kraft aufwenden, ihn zurückzuhalten. Es geht alles rasend schnell und schon haben wir unsere erste Szene »im Kasten« – vermutlich spontaner, lebendiger und besser als das, was wir planten.

 

Die nächste Szene ist nicht nur geplant, sondern in meiner freudigen Erwartung bereits ein Höhepunkt unseres Films. Wir besuchen die Lahicer Kupferschmiede. Antje ist hier gut bekannt. In ihrer Zeit als Kreativdirektorin des Fernsehsenders ANS drehte sie ihre kurzen Sympathie-Spots für dessen Programm vorzugsweise mit ländlichen Protagonisten (und emanzipierte diese damit stellvertretend ein bisschen gegen die latente hauptstädtische Überheblichkeit). Auch einer der Schmiede geriet so in die landesweite mediale Endlosschleife.


Das bewahrte ihn allerdings leider nicht davor, seine Werkstatt schließen und das Jahrhunderte alte Handwerk aufgeben zu müssen. Die Zahl der Schmiede nimmt ständig ab. Nachdem sich unter den Ausländern im Land herumgesprochen hat, dass der Zoll bei der 21 Ausreise nicht nur Antikes, sondern selbst Neuanfertigungen zurückhält, ging dem ältesten Gewerbe im Ort die wichtigste Kundschaft verloren. Doch noch ertönt in der Schmiedegasse das typische Klopfen. Wir betreten das Halbdunkel einer Werkstatt, die wirkt, als habe hier schon Aladin seine Wunderlampe bestellt. Sofort beginnt Irakli, auf einigen Karaffen, Töpfen und Deckeln herumzuklimpern. Der Meister am Amboss bekommt derweil rhythmische Vorgaben von Rain, die er sofort mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks umsetzt. Als Rain auch Irakli instruieren will, reagiert dieser sauer: »Es ist Jazz, Mann, freie Musik, ich mag keine Grenzen!« Am Abend, längst wieder versöhnt, erzählt Rain lachend, dass Irakli in diesem Moment sogar mit seiner Abreise drohte. Es zeigt: Wir sind alle aufgeregt. Die Musiker wissen nicht so richtig, was wir von ihnen erwarten, und wir wissen nicht, wie wir diesen genialen Moment sauber umgesetzt bekommen, dieses Halbdunkel, diese Enge, diese Schläge, die die Leuchtdioden auf meinem Tonmixer bis zum Anschlag treiben. Doch dann, ganz allmählich, entwickelt sich etwas, fundiert durch den stoisch hämmernden Grundrhythmus von zwei Schmieden, ziseliert durch ein sich verwebendes atmosphärisches Geklöppel von Irakli und ein paar suchende, tastende Saxophonakkorde von Rain. Vor dem Schmiedefenster haben sich längst Leute versammelt, Einheimische und Touristen
(letztere fotografieren, leider mit Blitz). Nach dem zweiten Stück gibt es Applaus von der Straße. Irakli ist danach immer noch verstimmt und Rain unzufrieden. Er habe zu sehr wie Jan Garbarek geklungen, meint er. Auch aserbaidschanische Männer neigen offenbar zu Frustkäufen – im Laden nebenan feilscht erjetzt um einen Samowar.

 

Antje und ich sind noch unsicher. Was wir eben erlebt haben, war einzigartig, ein großer musikalischer Moment. Die Verschmelzung von Lahicer Handwerk mit akademischem Bakuer Jazz und georgischem Freaktum. Dass wir ihn auch sauber ver ewigen konnten, werden wir erst am späten Abend sehen, nach dem Überspiel von der Kamera auf die Festplatte. Währenddessen fällt im Guesthouse zweimal der Strom aus, glücklicherweise ohne Schaden an der Elektronik anzurichten. Was für eine Ausbeute, bereits am ersten Tag!

 

In Rustams Gastraum versammeln wir uns zum Abendessen. Es gibt die üblichen Vorspeisen, dann Qutab und Plow. Rustam stellt als Geschenk eine Flasche teuren aserbaidschanischen Rotwein auf den Tisch und wir ein Flasche guten georgischen. Am Ende des Abends, nach vielen Toasts auf das Geburtstagskind und das Gelingen unseres gemeinsamen Projekts, sind sich alle – auch Irakli – über den historischen Befund einig: dieser aserbaidschanische Wein ist besser als der erfolgsverwöhnte georgische!

 

Dienstag 15. October

 

Heute soll unsere erste aserbaidschanische Schönheit gefilmt werden – das Hochgebirge, in seiner musikalischen Wahrnehmung durch Saxophon und Percussion. Das Internet verhieß kein Kaiserwetter, aber auch keine Katastrophe. Als 8:00 Uhr der Wecker klingelt, offenbart der Blick aus dem Fenster: eine Katastrophe. Der Ort liegt unter einer dicken, grauen Wolkendecke. Der zweite Blick zeigt Irakli, der durch den Garten tobt und Äpfel pflückt. Er habe schlecht geschlafen, klagt er beim Frühstück, die Matratze sei zu hart. Und jetzt gibt es keinen grünen Tee für ihn. Mit Rücksicht auf sein Herz will der 34jährige weder schwarzen Tee noch Kaffee trinken. Rain erzählt von Elchin Shirinov, einem bekannten Jazzpianisten. Der esse seit Jahren nichts Gekochtes, Fleisch ohnehin nicht und alles Übrige nur getrennt: Eine Tomate, nach einer Stunde eine Mandarine, nach einer Stunde eine Nuss. Dass kann nicht gesund sein, sagt Rain, und hält inne: »Es ist wie immer, wir Musiker reden mit Vorliebe über Krankheiten und davon, wie man sie vermeiden kann.«

 

Es hilft nichts, wir haben hier nur noch diesen Tag, also brechen wir auf in die Berge. Vor vier Wochen entdeckten wir auf der Location- Suche ein Hochplateau, mit großartigem Blick auf die 4000er Gipfel des Kaukasus’. Damals fuhr uns Rustam mit seinem Lada Niva dorthin, diesmal müssen wir das letzte Wegstück laufen: Rains Wrangler Jeep erweist sich als Auto für Großstadtcowboys. Die anstehende Bergtour nimmt ihm die Instrumentenwahl ab – Rain entscheidet sich für das leichtere, das Sopransaxophon. Als wir vor vier Wochen hier waren, haben uns wütende Hirtenhunde beinahe in die Reifen gebissen. Jetzt herrscht Stille, trügerische Nebelstille, in die Rain prüfend hineinruft. Es gibt kein Echo, bemerkt er enttäuscht.

 

Wir wählen als Bühne einen Kammweg kurz vor dem Hochplateau. Die Kaukasusgipfel haben wir längst abgeschrieben, aber wenigstens ist der Blick in zwei Täler noch frei. Als Irakli seine Klangmanufaktur zehn Minuten später errichtet hat, ist auch das vorbei, unsere beiden Musiker stehen vor einer weißen Wand. Der Nebel wabert, die Wolken wandern; wir diskutieren, ob wir warten oder einfach beginnen sollen. Beginnen, sagt der Produzent, wir dürfen von hier nur mit einer Musik im Gepäck wieder weggehen, so oder so. Sie fangen an zu spielen und bald wird klar: Unser Konzept geht auf. Vor uns entwickelt sich eine schroffe, karstige Musik, die der Unwirtlichkeit des Ortes Trotz entgegenstemmt. Doch immer wieder brechen sie ab. Das Blättchen im Mundstück des Saxophons macht in der Kälte nicht, was Rain will. Antjes Hände sind so klamm, dass ihr das feine Fokussieren immer schwerer fällt. Es sind Pausen zum In-die-Hände-hauchen und Händereiben.

 

Nach drei Stunden harter Arbeit hören wir im Auto, auf dem Rückweg ins Tal, Rains »Mugham Megham«-CD, in voller Lautstärke und mit Erläuterungen 29 des Künstlers. Wie sympathisch: Ein Musiker der von einer Musik, die er vor 14 Jahren aufgenommen hat, noch immer begeistert schwärmt! Rain und Irakli sind spürbar entspannt, das Ergebnis ihrer ersten kreativen Arbeit stimmt sie zufrieden. Zugleich bricht ein Interessenkonflikt auf, der uns wohl nicht zum letzten Mal diskutieren lässt: Rain möchte die Kontrolle behalten, im Film nur offenbaren, was perfekt gelungen ist. Darauf lassen wir uns nicht ein – wollen wir doch schließlich ein Suchen, Annähern, Verlaufen zeigen, also das Gegenteil von Perfektion.

 

Über dem Tal kreist ein riesiger Bartgeier und setzt wohl einige Hoffnung in uns bis auf die Knochen durchfrorene Gestalten. Im Guesthouse ist längst auch die Küche kalt. Antje und ich ziehen sofort wieder los, um noch Facetten unserer ersten Naturschönheit zu sammeln, bei uns, der Zweckbestimmung entsprechend, profan »Schnittbilder« genannt. Da tut sich am späten Nachmittag der Himmel auf, die Sonne strahlt ins Dorf
und auf den Berghängen leuchtet die verschwenderische Farbenpracht der herbstlichen Laubwälder. Caucasian Summer.

 

Beim Abendessen erzählt Irakli von geschlossenen Jazzclubs in Tbilisi. Im Diwan-Club hat er vor kurzem noch mit Rain gespielt: geschlossen. Ein kleiner Jazzclub mit exklusivem Anspruch, wenigen Plätzen und hohen Eintrittspreisen: dichtgemacht. In Baku sieht es nicht besser aus. Der legendäre Karawan-Jazzclub ist längst Geschichte. Und wann hat im Jazz Center zuletzt ein Konzert von Bedeutung stattgefunden? Unser Film wird den Aserbaidschanern nicht nur die Schönheit der Natur ihres Landes vor Augen führen. Sondern auch eine Musik nahebringen, die hier einmal zu Hause war und allmählich in Obdachlosigkeit verfällt.

 

Am späten Abend hören wir im Guesthouse scheppernde Lautsprecherklänge aus der Nachbarschaft. Wir gehen ihr nach und gelangen in einen Hof, in dem Familie und Freunde die unversehrte Rückkehr des Sohnes vom Militärdienst feiern. Es gibt keinen Alkohol, aber einen Pianisten und einen Synthesizer und es wird ausgelassen getanzt. Irakli schnappt sich das Mikrofon, stellt sich vor und beginnt eine rhythmische Improvisation. Und wir haben zum ersten Mal an diesem Tag die Kamera nicht dabei.

 

Mittwoch 16. October

 

Strahlender Sonnenschein verabschiedet uns aus Lahic. Auf dem Rückweg durch die Schlucht halten wir an der berüchtigten Hängebrücke und schicken Rain und Irakli für eine Filmeinstellung auf das klapprige Blech. »Habt Ihr für uns wenigstens eine Lebensversicherung abgeschlossen?« fragt Rain.

 

Die benötigt man auf aserbaidschanischen Straßen augenscheinlich dringender als auf heimischen Hängebrücken. Zahlreiche männliche Verkehrsteilnehmer, das Auto mit Familie vollgepackt, scheinen das Paradies nicht erwarten zu können. So gerät die lange Tour vom hohen Norden in den äußersten Süden, von Lahic nach Lenkoran, trotz aller landschaftlichen Schönheit zur erwarteten Strapaze.

 

Gegen den Rat der GIZ-Kollegen haben wir uns für ein Stück »Luftlinie« entschieden, eine Schotterpiste hinter den Serpentinen von Agsu. Auf schnurgerader Strecke tauchen wir über 30 Kilometer ein in die von Rains Auto aufgewirbelte Staubwolke. Während des Blindfluges singt für uns David Bowie, wir singen lauthals mit: »A man lost in time / Near KaDeWe.« (Nie erschien uns die Nürnberger Straße ferner.) »Where are we now? / Where are we now? / The moment you know / As long there’s sun / As long there’s rain / As long there’s fire / As long there’s me / As long there’s you.«

 

Früher soll es bei Dunkelheit auf aserbaidschanischen Straßen gefährlich gewesen sein, weil die Kraftfahrer das Licht ausließen, um die Batterie zu schonen. Heute ist es gefährlich, weil sie alles anschalten, was die Firma Bosch ihnen an Fahrzeugillumination zur Verfügung stellt. Völlig verblendet erreichten wir um 21 Uhr Lenkoran, nach 11 Stunden Fahrt. GIZ-Kollege Natiq ist mit unserer musikalischen Verstärkung aus Baku längst eingetroffen. Beim Abendessen begrüßen wir Alexej Miltikh, einen jungen Cellisten, und Yasef Eyvazov, einen erfahrenen Oud-Spieler. Ich erkläre noch einmal unser Konzept: »Wir möchten gern hören, wie die Landschaften klingen, was sie euch zuflüstern, welche Empfindungen sie bei euch auslösen. Das können und sollen keine perfekten Stücke werden. Die perfekte Musik soll im November entstehen, wenn ihr mit Rain nach Oslo ins Rainbow-Studio geht, um eine CD einzuspielen. Jetzt seid ihr die Maler, die auf den Berg klettern, nur mit Skizzenblock und Bleistift, hundert Skizzen zeichnen und erst später, im Atelier, die beste aussuchen und daraus das große Ölbild malen.«

 

Der Vergleich stimme nicht, sagen die Musiker. Der Maler werfe die Skizzen später weg. Wir aber behielten, was sie spielten – und machten einen Film daraus. Deswegen erleben wir sie in diesen Tagen unter starker Spannung und voller Konzentration. Nach den Aufnahmen sind sie ausgewrungen wie nasse Handtücher.

 

Morgen steht das Waldgebiet des Hirkan-Nationalparks auf unserem Drehplan. Ich telefoniere mit dem GIZ-Büro in Baku: Noch liegt die Genehmigung des Umweltministeriums nicht vor, ohne die wir im Nationalpark nicht filmen dürfen.

 

Donnerstag 17. October

 

Aserbaidschan: Das Qala-Hotel zu Lenkoran (vier Sterne nach Landeswertung) hat zwar im Foyer einen Shop nur für Schweizer Uhren und Zippo-Feuerzeuge. In unserem Zimmer kommt jedoch aus der Klospülung kein Wasser, auch nicht nach dem dritten Vorsprechen an der Rezeption.

 

Beim Frühstück berichtet Antje von meinem erfolgreichen nächtlichen Kampf gegen aggressive Mückengeschwader. Alexej, unser jüdischer Cellist, kommentiert: »Ein Genozid also?« Humor und Tonart versprechen subtiler zu werden. Meine Telefonate mit Baku sind es nicht. Der Umweltminister hat unseren Drehantrag für die Nationalparks noch immer nicht genehmigt, eine Ersatzvornahme kommt seinen verängstigen Subalternen nicht in den Sinn. Über Monate haben wir dieses aufwändige Projekt vorbereitet und nun gelangen wir nicht dorthin, wo wir drehen wollen – und nach Vorgabe unseres Auftraggebers, des GIZ-Biodiversitäts- Vorhabens, drehen sollen. Azerbaijan.

 

Natiq beruhigt uns. Er kenne ein Gebiet außerhalb des gesperrten Areals, dessen Wald sich von jenem des Nationalparks nicht unterscheide, auch die einzigartigen Eisenholzbäume gäbe es dort. Dieser endemische Baum ist die Attraktion der hirkanischen Wälder. Sein Holz hat eine so hohe Dichte, dass es im Wasser untergeht. Wir brechen auf und fahren genau bis zu jenem Schild, an dem das Hirkan-Reservat beginnt. Als wir den vorgelagerten Wald betreten, wächst in uns Verständnis für den misanthropischen Umweltminister, der Menschen am liebsten ganz von diesem UNESCO-Weltkulturerbe fernhalten würde: Einer der artenreichsten Laubwälder Europas und Asiens ist artenreich zugemüllt. Die Drehtour im Dienste der Biodiversität wird uns noch mehrfach die dokumentarische Manipulation abverlangen, den überall herumliegenden Müll entweder nicht zu zeigen oder vor Drehbeginn wegzuräumen.

 

Was wir nicht wegräumen können, ist Geräuschmüll. Der tönt heftig von der nahegelegenen Straße. An Musikaufnahmen ist hier nicht zu denken. So trinken wir bei einem mobilen Versorger – die Teekannen paradieren auf seinem Lada- Dach – aromatischen Kräutertee aus dem Samowar und wechseln dann den Ort, fahren in einen anderen Teil des Hirkan-Gebietes. Wir gelangen in einen Märchenwald, ein Hobbit-Auenland; ständig bin ich darauf gefasst, dass gleich Bilbo Beutlin über’n Hügel kommen wird. Am Abend, beim Betrachten der Schnittbilder, werden wir uns fragen, ob wir all die bunten Blätter, die grünen Moose
und Farne, die phallischen Pilze, den gurgelnden Bach wirklich zeigen dürfen, ohne uns heftigen Kitschverdachts auszusetzen.

 

Schnell sind wir uns einig über den Ort der heutigen Session – eine idyllische Lichtung. »Der Wald« ist unsere zweite aserbaidschanische Schönheit, von der sich heute vier Musiker im höchst ungewöhnlichen Zusammenspiel von Saxophon, Oud, 39 Cello und Percussion inspirieren lassen wollen. Doch ach, die Inspiration wird ihnen nicht leicht gemacht. Kaum sind die ersten Saxophonriffs erklungen, antworten kläffende Hunde. Das Spiel beginnt von vorn. Irgendwo im Hirkan-Wald setzt eine Motorsäge ein. (Wir hätten es wissen sollen – im Herbst macht der Aseri sein Feuerholz für den Winter. Trockenes Holz ist ihm genauso fremd
wie abgehangenes Rindfleisch.) Natiq setzt sich ins GIZAuto und rast los, den Säger aufzuspüren. Derweil kommt ein betrunkener Reiter des Weges und versucht sich in der Imponierpose »Pferd auf Hinterbeinen«. Das Pferd verweigert den Gehorsam und wird verdroschen. Abtritt Reiter und Säge. Als wir endlich beginnen können – fernes Kuhgeblöke und naher Vogelgesang ohnehin werden als natürliche »Atmo« akzeptiert – droht die Sonne hinter den Baumwipfeln zu verschwinden. Die Wege zwischen Drehort und Kofferraum, in dem die Film- und Tontechnik lagert, legen wir nur noch rennend zurück.

 

Doch wie werden wir entschädigt für diese Nervenpein! Links sitzt Yasef, entspannt an einen alten Baum gelehnt, rechts Alexej, stolz und gerade auf einem Baumstumpf. Irakli hockt in sich versunken am Boden, Rain steht als energetischer Fels zwischen ihnen. Und dann spielen sie eine so lyrische, so feine, warme Musik, als wäre der genius loci tatsächlich binnen Minuten in ihre Instrumente gekrochen. Und noch während der letzte Ton verklingt, setzt allgemeines Wundern ein, was ihnen da eben gelungen ist!

 

Ab ins Wirtshaus! In einem Obstgarten wird uns der Tisch gedeckt. Per Taxi ist aus Baku Christian Gönner eingetroffen. Ohne den Enthusiasmus unseres Freundes, meines GIZ-Kollegen aus Tiflis, wäre die Finanzierung dieses Projektes nie zustande gekommen. Fachkundig hat uns der Biologe bei der Auswahl unserer Drehorte beraten. Heute Abend gelten die Trinksprüche vor allem ihm.

 

Freitag 18. October

 

Wir lassen die Musiker ausschlafen und machen uns noch einmal auf in den eine Fahrstunde entfernten Hobbit-Wald. Antje dreht Details nach, ich sammle »Töne«. Für die Musikaufnahmen hatten wir das Mikrofon gegen störende Windgeräusche abgedichtet, jetzt klingen die Stücke steril wie aus dem Studio. Bei der Tonmischung müssen sie deshalb nachträglich in die natürlichen Geräuschkulissen gestellt werden: Das Rascheln der Blätter, der Gesang der Vögel, das Fallen der Eicheln, das Rauschen des Bachs. Während ich unter Kopfhörern durch den bunten Hirkan-Wald tappe, das mit einem flauschigen Fellschutz ummantelte Richtmikrofon in der Hand, Recorder und Mixer vor dem Bauch, kommt mir eine Kuhherde entgegen. Ich hatte sie schon lange gehört, so ist die kleine Überraschung auf Seiten der Kühe – und die große im Gesicht des sie begleitenden Hirten.

 

13 Uhr holen wir die Musiker im Hotel ab. Unser heutiges Ziel ist der Nationalpark Qizilagac nördlich von Lenkoran. In der Besetzung Saxophon, Cello, Percussion wollen wir uns der dritten landschaftlichen Schönheit nähern, dem Feuchtgebiet. Christian überbringt uns die Hiobsbotschaft: Der Umweltminister ist ins Ausland gereist, ohne unseren Antrag unterschrieben zu haben. Also werden wir auch heute nicht in den National park gelangen. Antje und ich sind wütend. Nur schwer 47 gelingt es uns, dies nicht zu zeigen. Wir wollen keine schlechte Stimmung aufkommen lassen, die Atmosphäre im Team ist ohnehin etwas angespannt. Alexej hat Angst um sein Cello. Ihm ist erst jetzt bewusst geworden, dass er einen ganzen Nachmittag am Wasser, unter brennender Sonne spielen wird. Rain haben wir zum Umziehen zurück ins Zimmer geschickt; die Reflexionen seines blütenweißen Hemdes würden die Kamera verrückt machen. Nur Irakli lebt, wie immer, unbeschwert seinen Lieblingsspruch, der ihm Lebensmotto zu sein scheint: »It’s freestyle, men!«
 

Eigentlich sollte auf dieser Reise nur die Musik improvisiert werden. Die fehlenden Drehgenehmigungen verlangen nun aber auch uns tägliche Improvisation ab. Wenn wir nicht in den Nationalpark gelangen, werden wir eben – so wie gestern – vor dessen Toren drehen. Landschaft kennt glücklicherweise keine Grenzen.

 

Schon als wir von der Hauptstraße abbiegen und über einen Damm fahren, das Meer zur Rechten, die Feuchtgebiete zur Linken, springt uns die Schönheit der Natur förmlich an. Rain möchte sofort aussteigen und spielen. Wir müssen ihn überreden weiterzufahren, Audioaufnahmen hätten so nahe an der Straße keinen Sinn. Zudem haben wir Natiq gebeten, uns bei Fischern im Dorf Nerimanabad II ein Boot zu organisieren, das den Musikern heute als Bühne dienen soll. Auf dem Weg dorthin setzen wir Christian ab; er soll versuchen, mit dem langen Teleobjektiv Wasservögel zu filmen, die Antje später in den Film montieren wird. Das Boot wird gebracht, es ist einer der hier verbreiteten Leichtmetallkähne mit Yamaha-Motor. Rain ist enttäuscht, der große Romantiker hatte sich ein altes Holzboot vorgestellt. Notdürftig lassen wir wenigstens den Motor verhüllen. Eine andere Manipulation lässt sich schwieriger kaschieren: Weil wir im sumpfigen Uferbereich des Brackwassers nicht arbeiten können, muss das Boot in einer kleinen Meeresbucht anlegen. Im Film darf später das offene Meer nicht zu sehen sein.

 

Der Filmgott schickt jetzt eine tolle Requisite vorbei, die wir sofort kapern – ein altes russisches Motorrad mit Beiwagen, in knalligem Orange. Auf ihm lassen wir unsere Musiker zum Boot bringen. Die Aufnahmen sind leider unbrauchbar, Irakli spielt „Großen 49 Vaterländischen Krieg“. Wieder einmal ist viel Zeit vergangen, bevor das Musizieren beginnt. Rain erläutert seinen Kollegen Takte und Melodien, die er im Kopf hat. Irakli fühlt sich, wie immer zu Beginn, in seinen Freiheiten beschränkt. Alexejs klassischer Prägung kommt es entgegen, dass Rain Strukturen vorgibt. Dann spielen sie einfach. Repetieren zu Beginn ein Motiv in verschiedenen Abwandlungen und werden immer freier. Irgendwann beugt sich Irakli aus dem Boot, schöpft Wasser mit der hohlen Hand und lässt es im Gefüge der Musik zurück ins Meer rinnen. Sie spielen jetzt so selbstvergessen, dass die steigende Flut von uns allen unbemerkt bleibt. Längst steht Rain vor dem Boot nicht mehr am Strand, sondern auf einer kleinen Insel. Ein Turnschuh, in dem sein Aufnahmegerät steckt, ist umspült. Und auch unser VW, den ich vor Stunden in sicherer Entfernung zur Wasserkante abgestellt hatte, ist gerade noch trockenen Fußes zu erreichen. Doch sie wollen nicht aufhören zu spielen, sich in ihrem Flow nicht stören lassen, nicht jetzt. Als sie dann doch zum Ende kommen, müssen sie vom Wathosen tragenden Fischer »evakuiert« werden.
 

Wir lassen das Boot ans verschobene Ufer ziehen und beginnen den schwierigsten Teil einer jeden Session. Schwierig, weil er einen unlösbaren Widerspruch zu lösen versucht – live mit nur einer Kamera gefilmtes Musizieren in verschiedenen Einstellungen abzubilden. Das geht nur mit Wiederholungen, die bei freier, improvisierter Musik nie wirkliche Wiederholungen sind. So bleibt es die Herausforderung an Antje, bei der späteren Montage Totalen und Nahaufnahmen so zusammenzufügen, dass es irgendwie passt. Wir müssen mit dem Filmen aufhören, als Aljoscha signalisiert, dass das Cello gleich auseinanderfallen wird. Auch der Fischer trampelt, er will zu einer Hochzeit. Mit dem Beiwagenmotorrad – wie hier üblich – wird unser Boot aus dem Wasser gezogen und auf einem Anhänger weggebracht.

 

Nach dem Abendessen werden wir noch unsere täglichen Nacharbeiten erledigen müssen: Die Aufnahmen des Tages doppelt auf zwei Festplatten sichern, sie sichten, Batterien aufladen und Linsen putzen.

 

Sonnabend 19. October

 

Eigentlich steht für heute unser zweiter Drehtag in den Feuchtgebieten von Qizilagac auf dem Programm. Doch weil das Wetter schon bald schlechter werden soll, ziehen wir den für Sonntag im Zuvand-Hochland geplanten Drehtag vor. Wir verzichten auf den für Nachmittag geplanten Hotelwechsel und nehmen eine längere Anfahrt in Kauf. Acht Uhr starten wir in Lenkoran, unterwegs kaufen wir Getränke und Lebensmittel; bis zum Abend wird es dafür keine Gelegenheit mehr geben. Der Weg führt unaufhörlich in die Höhe. Das Hirkan- Waldgebiet liegt bald unter uns, ein paar Totalen davon nimmt Antje noch mit. In Lerik lassen wir den Passat stehen und steigen in die beiden Jeeps um. Der Reiseführer warnt vor der Beschaffenheit der vor uns liegenden Piste und auch Christian hat sie von seinem letzten Besuch in schlechter Erinnerung. Doch wir sind Präsidentschaftswahl- Gewinnler; das regionale Wahlergebnis hier sollte keiner in Zweifel ziehen: Bis zur iranischen Grenze führt neuerdings ein Asphaltband. Auf diesem nähern wir uns nun also unserer vierten aserbaidschanischen Schönheit, der Hochwüste, in der Besetzung Sopransaxophon, Oud und Percussion.

 

Vor einem steilen Kerbtal, direkt an einer gefassten Quelle, lässt Christian gegen Mittag halten. Zwischen Felsbrocken und Dornpolstern finden wir einen wunderbaren Musizierplatz für unser Trio. Wir richten ihn ein und wenig später erfüllen erste Klänge die Schlucht. Ich muss mich mit der Mikrofonangel hinter einem großen Stein verstecken, auf dem der 60-jährige Yasef Eyvazov sitzt und seine arabische Oud spielt. Die Vorfahrin der mittelalterlich-abendländischen Laute ist auf dieser Reise zu meinem heimlichen Lieblingsinstrument geworden. Mit scheinbar unerschütterlich innerer Ruhe spielt Yasef muellim sein Instrument auch dann weiter, als erste Winde die Schlucht hinaufwirbeln. Aus den gelegentlichen Böen wird ein Sturm, der Staub und Sand mit sich führt und auf der Haut zwirbeln lässt. Antjes Basecap fliegt gen Iran, Christians Fotorucksack wird von einem Stein gefegt. Rain, Irakli und Yasef spielen weiter. Längst erkennt Antje auf ihrem Kameradisplay nichts mehr und filmt quasi blind. Mir tost es um die Ohren, so dass nur der Pegel des Aufnahmegerätes die Kontrolle über das Mikrofon noch erlaubt. Unsere Musiker spielen weiter, stoisch und beseelt. Nie zuvor auf dieser Reise war Rain so inspiriert, Irakli so konzentriert. Zum Schluss kniet er vor der Oud nieder und trommelt sich die bloßen Hände auf einem Stein wund. Als sie den letzten Ton gespielt haben, klatschen sie sich ab und jubeln im Sturm.

 

Wir fahren weiter, auf 2000 Meter Höhe, in eine surreale Landschaft, über der die Sonne nur noch milchig durch den vom Sandsturm gefüllten Himmel dringt. Die karstige graue Wüste wird unterbrochen durch einige Auentäler, aus denen das Rot und Gelb herbstlichen Laubs leuchtet. Im Mai, sagt Christian, 59 gibt es hier die schönsten Orchideen. Wir gelangen an das Ende des Asphaltbandes, gleich danach an den Grenzzaun zum Iran. Irakli steigt aus, hebt beschwörend die Arme und grüßt alle Frauen Persiens. Wir kehren um und fahren hinein in das letzte aserbaidschanische Dorf, das dem Vernehmen nach von zahlreichen hochbetagten Menschen bewohnt wird. Wir wollen sie befragen, wie man in dieser Landschaft alt wird. Offenbar auch dadurch, dass man bei solchem Wetter das Haus nicht verlässt. Schließlich treffen wir doch drei Männer, keine 60 Jahre alt, und nein, älter als Mitte 80 sei hier gerade niemand. Wie lebt ihr hier mit der Natur, fragen wir. Es gibt viele Wölfe, sagen sie, die kommen und reißen unsere Schafe. Klar erschießen wir die. 

 

Christian und Natiq, unsere beiden Biologen, sind ein bisschen entsetzt über die Aussicht, dies als zentrale Botschaft des Mensch- Natur-Verhältnisses im Film wiederzufinden. Sie haben wohl Michail Sostschenkos Farce »Die Kuh im Propeller« vor Augen, in der Grigori Kossonossow, der Wächter der Fliegerschule, in seinem Heimatdorf um Spenden für ein Flugzeug wirbt und in seiner Begeisterung über die Möglichkeiten des sich entwickelnden Flugwesens kein Halten kennt: »Da ist einmal eine Kuh bei uns in den Propeller gekommen. Ritsch, ratsch, weg war sie! Auch Pferde!« – »Vielleicht«, sagt Christian schließlich, »passen die Wölfe ja aber doch ganz gut zu jener denkwürdigen Musik, deren Entstehung wir heute erlebt haben.«

 

Im Restaurant wird hungrig die Bestellung aufgegeben, natürlich Kebab. Für Antje und mich bleibt ein Rätsel, wie Musiker, die musikalisch so offen für Neues sind, Abend für Abend immer wieder ausschließlich gegrilltes Schaffleisch bestellen – und immer wieder mit solcher Begeisterung vertilgen können. Stimmung will heute am Tisch nicht mehr aufkommen; einige verzichten aus Erschöpfung sogar auf den Wodka. Nachdem sich halb zehn alle auf ihre Zimmer verabschiedet haben, muss Antje mit dem großen Computerbildschirm noch die uns seit Stunden quälende Frage beantworten: Hat das Kamerastativ bei unserer Aufzeichnung im Sturm vibriert, vielleicht sogar gewackelt? Große Erleichterung: es hat nicht. Erst jetzt wird uns bewusst, welch ein ungewöhnliches Glück wir heute mit dem Wetter hatten.

 

Sonntag 20. October

 

Beim Frühstück verkünden wir den Musikern frohe Kunde: Die gestrigen Sturmaufnahmen in der Hochwüste sind technisch ok – ihr könnt nach Hause fahren! Doch zuvor benötigen wir sie noch für Gespräche mit dem Volk. Wir fahren wieder ins Fischerdorf Nerimanabad II, wo sich die Menschen an diesem Vormittag auf der Durchgangsstraße tummeln. Rain soll aussteigen und mit ihnen über das Leben in den hiesigen Feuchtgebieten ins Gespräch kommen. (Wie schön, dass der Landschaftstypus »Feuchtgebiete« in einer Region, die von Charlotte Roche verschont geblieben ist, nur beim Filmteam Assoziationen auslöst.) Interessant: Rain geht zielgerichtet auf die um einen Kiosk gescharte, kleinere Gruppe der Frauen zu. Später wird er mir erklären, warum er nicht das Gespräch mit den Männern gesucht habe: Von denen seien gehaltvolle Auskünfte nicht zu erwarten gewesen. Da sich Rain mit den Frauen auf Aserbaidschanisch unterhält, verstehen wir anfangs nicht, worum es geht. Doch dann wird der Tonfall der Frauen jammernd, klagend; wir hören jetzt immer wieder »njochte«, gibt es nicht, »gas njochte«, vieles »njochte«. »Sag es, erzähl’ es ihnen!« zischen andere Frauen von hinten. Natiq wirkt besorgt. Er zieht mir den Kopfhörer vom Ohr: »Das wird hier jetzt politisch. Und damit zum Problem. Es stehen genug Männer herum, denen ich ansehe, dass sie morgen in Baku anrufen und 67 erzählen werden, dass da ein Auto mit GIZ-Aufkleber und Ministeriumsnummer im Dorf war und den Leuten das Mikrofon für aufrührerische Reden hingehalten hat. Wir sollten besser losfahren.« Rain ist ohnehin der Gesprächsstoff ausgegangen; nur Irakli fühlt sich, wie immer mit Publikum, prächtig. Er bricht eine Rose und steckt sie dem großen, von einer Fischverkäuferin feilgebotenen Hecht ins Maul. Alle lachen. Dann greift er den Fisch mit beiden Händen und tut so, als würde er gleich seine Zähne in ihm vergraben. Die Frauen kreischen. Irakli bemerkt, dass seine Hände nun schleimig sind und nach Fisch stinken. Die Frauen bringen ihm Wasser und ein Handtuch. Am ersten Tag hatte Irakli uns erzählt, dass er auf Facebook 3.000 Freunde hat. Ihm ist zuzutrauen, dass es wirklich Freunde sind.

 

Und dann heißt es Abschied nehmen. Am Strand stellen wir letzte Gruppenfotos. Irakli wird heute Abend in den Nachtzug nach Tiflis steigen, Christian nimmt morgen den Flieger dorthin. Aljoscha will uns in Baku demnächst zu einem Konzert des Kammerorchesters einladen, in dem er mitspielt. Rain und Yasef werden wir in ein paar Tagen wiedersehen, wenn uns, inshallah, in Gobustan die fünfte aserbaidschanischen Schönheit begegnet – die Halbwüste.

 

Antje und ich bleiben zurück, machen noch ein paar Naturaufnahmen und sitzen wenig später in Lenkoran als einzige Gäste auf dem Oberdeck eines Restaurants, das seiner Form wegen hier im Volksmund »Titanic« heißt. Wir versuchen der plötzlichen Leere und Stille um uns herum den Vorzug abzugewinnen, dass wir jetzt kein Kebab bestellen werden, sondern gegrillten Stör. Dann beginnt es zu regnen, der Himmel öffnet seine Schleusen und wird sie in den nächsten zwölf Stunden nicht mehr schließen. Da erkennen wir, dass wir in dieser Woche mit Schamanen unterwegs waren, die die Naturgewalten heraufbeschworen haben – sie zugleich aber im Griff behielten. Am ersten Tag, im Hochgebirge, zog ihre Musik Nebel und Kälte wie Dementoren aus dem Tal. Am zweiten Tag, im Urwald, versank mit dem letzten gespielten Ton die Lichtung im Schatten. Am dritten Tag umspülte unbemerkt die Flut unsere Naturbühne. Am vierten Tag ließ die Musik einen Sandsturm von der Kette. Und heute, kaum sind unsere Musikanten abgereist, Kamera und Mikrofon verstaut, setzt ein Regen ein, der jegliche Aufnahmen unmöglich gemacht hätte. Mysterien!
 

Morgen Vormittag fahren auch wir zurück nach Baku. Wie es weitergeht mit unseren Musikern und den verbleibenden drei Schönheiten werden der Wetterbericht und das Umweltministerium entscheiden.

 

Dienstag 22. October

 

Musiker sind keine Frühaufsteher, Morgenlicht wird in unserem Film nicht zu sehen sein. Die Schlammvulkane von Gobustan sind kaum mehr als eine Autostunde von Baku entfernt, trotzdem treffen wir hier erst kurz vor zehn ein. Heute steht die Halbwüste auf unserem (wieder einmal kurzfristig geänderten) Plan; Saxophon und Oud werden versuchen, die bizarre Aura des Ortes musikalisch abzubilden. Eigentlich wollten wir den sonnigen Tag nutzen, um im Shirvan Nationalpark unseren Dreh mit dem Flügel ins Trockene zu bekommen. Aber noch immer haben wir für diesen Park keine Genehmigung.

 

Die Schlammvulkane sind frei zugänglich, zu finden aber nur durch Eingeweihte. Wegweiser zu einem der größten Naturspektakel Aserbaidschans gibt es nicht (womit beschäftigt sich eigentlich das zahlreiche Personal des Tourismusministeriums?). Störungen müssen wir deshalb nicht befürchten, im Laufe des Tages tauchen nur drei Taxis mit Touristen auf.

 

In Aserbaidschan gibt es die meisten Schlammvulkane weltweit. Optisch muten sie nach Mondkraterlandschaft an, akustisch nach Klo im Freien. Das aus der Erde entweichende Gas pfurzt, rülpst und ejakuliert sich durch den Schlamm ins Freie, dass man betreten herumsteht und geneigt ist, mit dem Finger auf den anderen zu zeigen. Rain ist begeistert. Er läuft mit seinem digitalen Aufnahmegerät zwischen den Kratern umher und nimmt ihre Körpergeräusche auf. Irgendwie will er sie später im Studio verwenden.

 

Mit Vulkanismus hat das alles nichts zu tun; anders als Magma ist der Schlamm so kühl wie seine Umgebung. Er enthält viele Mineralien und hat eine heilende Wirkung. Das Gas besteht zu 90 Prozent aus Methan und ist deshalb leicht entzündlich. Gelegentlich explodieren die Vulkane, dann lodern die Flammen mehrere hundert Meter in den Himmel. In der Ferne, mitten im türkis glitzernden Kaspischen Meer, steigt eine Rauchsäule empor. Vor zwei Monaten ist hier eine Gasplattform explodiert, seitdem steht sie in Flammen. Alle Versuche, das Leck im Gasfeld zu stopfen, blieben bisher erfolglos.

 

Da unser Projekt von der GIZ finanziert wird, haben wir quasi einen öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrag. Am Vortag hatte ich Rain per e-mail alles Wissenswerte über die Vulkane mitgeteilt und ihn gebeten, dieses Wissen heute vor der Kamera (gespielt beiläufig) an Yasef weiterzugeben. Jetzt ist der Moment gekommen; wir wären so weit, doch Rain läuft längst im musikalischen Modus. Enzyklopädisches ist bei ihm gerade nicht abrufbar. So entführen wir kurzzeitig den einheimischen Guide, der eben einer russischen Touristengruppe das Wichtigste mit auf den Weg gegeben hatte. Jetzt hat er Rain und Yasef als interessierte Zuhörer.

 

Nun aber drängt es sie, endlich mit der Musik zu beginnen. Schon bald ist zu hören, dass die beiden in ihrer musikalischen Prägung sehr eng beieinander sind. Es ist ein musikalisches Verstehen, das keiner Worte bedarf. Behutsam gehen sie auf ihren Instrumenten miteinander um, vermeiden Dominanz, deuten oft nur an, tupfen. Die Substanz kommt heute so deutlich aus dem Mugham wie an keinem der Tage zuvor. Ich mag das; Antje bemerkt mit Schrecken, dass ein tragendes Motiv kaum zu erkennen ist und die spätere Filmmontage zum Problem zu werden droht. Mein Problem ist ein gegenwärtiges: Um nicht im Bild zu erscheinen, muss ich mich mit der Mikrofonangel hinter einem Schlammvulkan verstecken. Ich richte sie auf die leisere Oud, trotzdem dominiert im Kopfhörer das Saxophon. Also versuche ich, wenigstens während Yasefs Soli den Regler hochzuziehen. Doch dann schrillt das Saxophon laut dazwischen, der Zeiger geht auf Anschlag, im Ohr knarzt es – dieser Ton dürfte kaputt sein. In den leisen Passagen fängt das empfindliche Mikrofon sogar den Gesang der Vögel sowie das Glockengeläut und vielfache »Mäh« einer Schafherde ein, die nirgendwo zu sehen sind. Und dazwischen immer wieder das »Blubb« der umliegenden Vulkane, das diese Musikaufnahme trotz aller technischen Schwierigkeiten einzigartig werden lässt.

 

Am Ende tauchen zwei gelöste, zufriedene Musiker ihre Hände in den Schlamm und klatschen einander ab. Wir sind darauf vorbereitet, haben 10 Liter Wasser zum Händewaschen und ein Handtuch mitgebracht. Auch an einen Hocker für Yasef und Getränke haben wir gedacht. Was wir vergessen haben, ist Sonnencreme. Wir nehmen den Brand in Kauf und bleiben noch für ein, zwei Stunden an diesem wunderbaren Ort, nachdem unsere Musiker bereits abgefahren sind.

 

Sonnabend 26. October

 

Am Abend zuvor sind wir beim Baku Jazz Festival im International Mugham Centre. Gemeinsam mit Rain und Sohn Murat besuchen wir das Konzert des amerikanischen Saxophonisten Kenny Garrett und seines Quartetts. Cooler Großstadt-Jazz, für uns plötzlich ungewohnt, zumal mit Dach über dem Kopf. Beide Saxophonisten, der da vorn und der neben mir, berufen sich auf John Coltrane. Mit dem Unterschied, dass Garrett klangliche Architekturen schafft, Rain klangliche Landschaften. Der vorn spielt, der neben mir singt leise mit: da-dap-diddidi- dap… Erinnerst du dich, flüstert Rain, Anfang der 60er Jahre!? Rain ist Jahrgang 1965.

 

Stilsicher sind Garrett wie Sultanov; von Rains Landsleuten lässt sich das eher selten sagen. Quod erat demonstrandum: Gegen Ende des Konzerts erträgt der aserbaidschanische Lichtmann im Mugham Centre das ihm verordnete minimalistische Understatement offenbar nicht länger. Aus vollen Kanonen entlädt sich ein infernalisches Lichtgeflacker über Kenny Garrett. Der wehrt entsetzt ab und macht eine eindeutige Handbewegung an der Kehle vorbei.

 

In der ersten Reihe sitzt der Umweltminister. Ich hätte nicht übel Lust, vorbei zu gehen und zu fragen, warum die Regierung sechsstellige Beträge ausgibt, um amerikanische Jazzmusiker in die aserbaidschanische Hauptstadt zu holen, aserbaidschanische Jazzmusiker aber nicht mal 79 in Reservaten spielen dürfen. Morgen immerhin sind wir im Shirvan Nationalpark zugelassen. Ob wir auch die Genehmigung für den Absheron Nationalpark erhalten werden, ist fraglich, nachdem die GIZ tatsächlich Ärger bekommen hat wegen unserer spontanen Fischweiberbefragung in Nerimanabad II am vorigen Sonntag. So wie Natiq befürchtete, sind wir im Ministerium verpetzt worden. Oliver Kögler musste Bericht erstatten, was da im Süden los war. So lernte er, dass die von seinem Projekt umsorgte aserbaidschanische Biodiversität auch eine Spitzel-Landschaft umfasst – fürwahr keine Schönheit.

 

Und dann fahren wir am Morgen also los, zu unserem sechsten Dreh, in die Steppe, in den Shirvan- Nationalpark; im Schlepptau Rain Sultanov und seinSaxophon sowie Shahin Novrasli und einen eigens für ihn gemieteten Konzertflügel. Dieser Programmteil hatte uns vorab am meisten Kopfzerbrechen bereitet. Würden wir eine Firma finden, die uns ein Piano vermietet, 100 km südlich von Baku in die Prärie stellt – und das auch noch zu einem Tarif, der nicht unser Budget sprengt? Da hatten wir noch gar nicht Shahin Novrasli auf der Rechnung. Er hat jüngst in London eine CD aufgenommen, wird von einem Deutschen gemanagt und gab vor zwei Wochen ein Solo-Konzert im Heydar Aliyev-Palast. Shahin Novrasli setzt sich an kein Klavier mehr, Shahin besteht auf einem grand piano, einem Flügel.

 

Rain trieb eine Firma auf, die Klaviere auf Wunsch selbst in der Wüste platziert. Ein Upgrade auf Flügel? Kein Problem, der Preis verdoppelte sich. Im Laufe der ersten Drehwoche erfuhren wir, dass es ein weißer Flügel werden sollte, ein schwarzer sei nicht im Angebot. Wir waren außer aus. Die dekadente geschmackliche Entgleisung würde auf uns zurückfallen, zudem ließ ein lackierter weißer Flügel unter praller Steppensonne die furchtbarsten Kamerakapriolen erwarten. Eine Woche lang bearbeiteten wir Rain, eine Woche lang war keine Alternative in Sicht. Schließlich gab ich den Diktator und Rain die Anweisung – wir nehmen ein Klavier. Und damit in Kauf, das Shahin vor Ort nicht mal den Deckel aufklappt. Der wird schon spielen, hofften wir, Inshallah. Dann fand sich unverhofft in unserer Pianofirma doch irgendwo ein schwarzer Konzertflügel an. Wir schienen gerettet.

 

Das änderte sich grundsätzlich auch dann nicht, als Shahin einfiel, dass just an dem für die Steppe vorgesehenen Tag sein Bruder heiraten würde. Dieser und der darauffolgende Tag schieden damit aus. Wir verlegten den Dreh vor, auf Donnerstag. Bloß gut, dass ich zwei Wochen Urlaub genommen hatte.

 

Am Dienstag – über Baku schien seit Wochen eine warme Herbstsonne – verkündete das Internet für Donnerstag strömenden Regen. Wir hatten www.foreca.com längst als zuverlässigen Dienstleister schätzen gelernt und sagten den Donnerstagsdreh ab. Am Mittwoch, über Baku noch immer makellos blauer Himmel, rief Rain an, ob wir nicht vielleicht doch morgen drehen sollten. Ich blieb stur, sah eine Blamage am folgenden Tag aber längst nicht mehr als unwahrscheinlich an. Am Donnerstag goss es wie aus 81 Kübeln.

 

Uns lief die Zeit davon. Am Montag würde Antje nach Deutschland fliegen. Rain überredete Shahin, am Sonnabendnachmittag – foreca verhieß gemischtes, aber immerhin trockenes Wetter – für unsere Aufnahmen wieder fit zu sein. Am Freitag war die foreca-Mischung schlechter geworden, aber noch nicht bedrohlich. Heute Morgen verkündete foreca Regen ab Mittag. Über Baku schien die Sonne. Wir fuhren los, Antje und ich, Natiq mit Shahin, Rain solo, ein LKW mit Flügel und drei Leuten, dazu ein Auto mit GIZ-Kollegen. Als wir im Shirvan-Nationalpark ankamen, regnete es. Kein Wetter, um ein Piano in die Landschaft zu stellen. Die Ranger an der Pforte zum Park kochten uns Tee zum Trost.

 

Montag 28. October

 

Shirvan, die zweite. Der Wetterdienst verspricht einen strahlenden Tag und behält Recht. Erneut sind wir auf der Autobahn Richtung Iran unterwegs – und verpassen diesmal den Abzweig nach Astara. Wenig später ruft Rain an, er habe sich wohl verfahren. Offenbar hat die lange Drehzeit bei uns ihre Spuren hinterlassen. ∕ ∕ Der Shirvan-Nationalpark wurde 2003 gegründet und ist der erste Nationalpark Aserbaidschans. Er ist Rückzugsraum für die letzte verbliebene Population der gefährdeten Kropfgazelle (Gazella subgutturosa). Einige hundert Tiere leben hier, wir kommen ihnen heute ziemlich nahe. Rain und Shahin sind begeistert. Obwohl der Park nur 100 km von Baku entfernt ist, waren sie hier noch nie. Der Aufbau des Flügels dauert 20 Minuten und liefert die ersten Filmbilder. Shahin klimpert ein paar Töne – und ist zufrieden. Dies war meine letzte Sorge gewesen, die Anlieferung eines verstimmten, unbespielbaren Flügels.

 

Natürlich müssen Antje und ich an Dietrich Galecki denken. Dietrich Galecki ist Klavierstimmer; ihm verdanken wir zwei der skurril-schönsten Szenen in »Die Aktivisten«, unserem 2008 über das Jazzfestival Eberswalde gedrehten Dokumentarfilm: (Szene 1, Galecki setzt sich an den Flügel, stochert einen langen Finger in die Klaviatur und verzieht angewidert das Gesicht.) »Der klingt im Moment absolut nicht konzertfähig. Der klingt so, dass man ihn nicht anbieten kann, als solistisches Instrument. Das geht nicht. So dass man jetzt alle 320 Saiten, die wir hier haben, einzeln stimmen muss.« (Szene 2, nach dem Konzert von Magda Mayas und Tony Buck, bei dem die zarte Pianistin Magda Mayas am Vorabend in Anwesenheit des Klavierstimmers die Saiten malträtiert hat. Galecki guckt resigniert in die Kamera.) »Ich hätte gestern gedacht, das läuft anders ab. Ich hätte nie gedacht, dass der Flügel so missbraucht wird, eigentlich. Dass an dem Instrument nicht gespielt wird, sondern mehr so rumgefitschelt.«  

 

Einen Dietrich Galecki haben wir hier nicht. Und die Räder des Flügels versinken minütlich tiefer in dem vom Regen aufgeweichten Lehmboden der Steppe. Rain und Shahin spielen sich ein – sich selbst, die Instrumente, sich aufeinander und auf die Landschaft. Wir schneiden vom ersten Ton an mit; heute müssen wir auch effektiv arbeiten, in spätestens drei Stunden schon wird sich Antje auf den Weg zum Flughafen machen müssen. Nach 30 Minuten sagt Shahin: Es geht nicht mehr. Der Flügel hat sich in der kurzen Zeit um einen halben Ton verstellt. Wir erklären ihm, dass unsere Aufnahmetechnik ohnehin nicht ausreicht, um DolbyStereoTotal-Kinos zu bespielen. Dass ein leicht verstimmter Flügel inmitten einer großartigen Landschaft den Zuschauer kaum überraschen wird. Dass dies hier »freestyle« ist, wie Irakli Koiva sagen würde. Shahin setzt sich an den Flügel zurück und spielt weiter.

 

Und dann ist es wieder einmal soweit, der magische Moment: Die Musik beginnt in der Landschaft zu leben. Rain lässt die Klappen des Saxophons klappern, dass es wie das leichtfüßige Getrappel einer Gazellenherde klingt. Die Herde springt weiter zum Flügel, wo Shahin ihr Getrappel direkt auf den Saiten weiterklingen lässt. Shahin spielt ein paar verhauchte Töne, die endlose Steppe gibt ihnen weder Halt noch Widerhall. Rain stimmt ein, das Motiv des Stückes wird erkennbar. Natürlich ist Rain nicht an diesen und an keinen der vorigen Spielorte unvorbereitet gekommen. Er hat Motive mitgebracht, von denen er annahm, dass sie in die Landschaften passen würden, in denen er noch nie war, die er nur kannte aus dem Bildband „Protected areas in Azerbaijan“, den wir ihm vor einigen Wochen gezeigt hatten. Und er wäre ein Karl May des Jazz geblieben, wenn er mit diesen Ideen direkt ins Studio gegangen wäre. Erst unter dem direkten Einfluss der Gefilde, in denen er spielte, wurden die Ideen lebendig, verloren sie das Akademische, füllten sie sich mit Gefühl.

 

Die Musiker deklinieren ihr Thema durch, Antje dreht verschiedene Einstellungen. Pünktlich werden wir fertig, Rain und Shahin reisen ab, der Lieferwagenfährt vor und wenig später schon steht kein Flügel mehr in der Steppe von Shirvan.

 

Montag 4. November

 

Wir aber haben ihn gesehen und gehört. Eine Schönheit ist uns noch geblieben und die haben wir in Baku vor der Haustür – das (Kaspische) Meer. Rauhes Wetter haben wir uns für sie gewünscht, doch von Herbststürmen sind wir in diesem Novembersommer weit entfernt. Mit Rain und der Sängerin Nuriyya Huseynova verabreden wir uns zum Sonnenaufgang um 7:11 Uhr im Absheron Nationalpark, dort, wo der stilisierte aserbaidschanische Adler auf der Landkarte seinen Schnabel hat. Doch der ist längst in Sonne getaucht, als wir ihn betreten: Wir haben die Strecke unterschätzt, Missverständnisse mit dem Fahrer provoziert, uns auf Wegbeschreibungen Einheimischer verlassen, nicht mit Nebel und Baustellen gerechnet und verleugnet, dass selbst eine schriftliche Genehmigung des Ministeriums an der Pforte zum Nationalpark erst nach drei Telefonaten Gültigkeit erlangt. Nurriya, bei der wir ein farbenfrohes Kleid bestellt hatten, trägt Jeans und eine Art Bomberjacke mit Pelzkragen, außerdem ist sie erkältet. Rain auch, aber der soll ja immerhin nicht singen. Auf dem Meer brummt laut ein Schiffsdiesel. Als es losgehen kann, die Uhr zeigt halb neun, haben wir so richtig schlechte Laune.

 

Das warme Morgenlicht erweist sich bald als gar nicht übel, der Schilfgürtel vor dem Ufer trägt Gold. Im Mikrofon höre ich leises Meeresrauschen, Vogel- und Saxophongezwitscher und bald eine Frauenstimme, die sehr vorsichtig auf das von Rain vorgegebene Thema improvisiert. Regler auf Anschlag! Allerdings wird nun mein Magenknurren wohl genauso digitalisiert wie die Störgeräusche, die Antjes Schuhe beim Umknicken der Schilfrohre verursachen. Die Frauenstimme fasst Sicherheit, wird lauter, pathetischer, lässt die Stimmbänder flattern. Wir nehmen drei verschiedene Einstellungen auf und sind eigentlich fertig, doch Rain ist nicht zufrieden. Im vierten, zusätzlichen Take, Antje filmt krupni plan, Naheinstellung, finden Saxophon und Sängerin endlich zueinander, verschmelzen beider Tonströme immer wieder zu einem. Diese Harmonie von Instrument und Stimme ist das Ideal in der traditionellen Mugham-Musik. Wir beginnen von vorn, Totale, Halbe. Im Kasten.

 

Als Rain und Nuriyya entspannt Muscheln sammeln und in ihren Händen rhythmisch schütteln, steckt eine große Wasserschlange neugierig den Kopf aus dem Wasser. Später, die Musiker sind schon auf dem Heimweg und wir auf der Suche nach Schnittbildern, stolpern wir beinahe über einen Robbenkadaver und begegnen immer wieder Schlangen, die es hier so zahlreich gibt wie Frösche in einem durchschnittlichen deutschen Dorfteich.

 

Dann geht es nicht weiter; um uns herum, im Osten, Süden und Norden, nur Wasser. Nach 2.000 Kilometern Fahrt wir sind angekommen, am östlichsten Punkt des Landes, am äußersten Rande Europas und am Endpunkt unserer musikalischen Entdeckungsreise durch Aserbaidschan.

 

27. - 29. November

 

Drei Wochen nach Abschluss unserer Tour durch Aserbaidschan werden die Skizzen ins Studio getragen. Nicht in irgendein Studio: Wir treffen uns in Oslo, im berühmten Rainbow Studio. Für den zeitgenössischen europäischen Jazz gibt es wohl keinen vergleichbar bedeutenden Schöpfungsort. Das liegt vor allem an Jan Erik Kongshaug, dem Inhaber und Tonmeister des Studios. Sein Ruf ist legendär, sein Name untrennbar mit vielen berühmten Musikern und Platten verbunden. Die deutschen ECM- und ACT-Label schicken ihm regelmäßig ihr Vorzeigepersonal: Jan Garbarek, Bugge Wesseltoft, Charles Lloyd, Ketil Bjornstad, Jack DeJohnette und viele andere. Als ich während einer Pause im Gästebuch blättere, entdecke ich, dass hier vor 25 Jahren schon einmal ein Traum in Erfüllung ging: »Hei, heute wurde mein größter Wunsch erfüllt – Pat Metheny spielte für meine Platte: Foren dag!« jubelte die damals noch unbekannte Sängerin Silje Nergaard am 9. Februar 1988. Heute ist sie ein Weltstar. Und das Kenny Wheeler Quartet – u. a. mit John Abercrombie und Dave Holland – vermerkte im tiefsten norwegischen Winter: »Jan Erik, your sound is the promised breath of springtime!«

 

Für Rain Sultanov hat Jan Erik Kongshaug vor fünf Jahren »Tales of my land« abgemischt. Diesmal finden auch die Aufnahmen im Studio statt; das »Rainbow« ist für eine Woche gebucht. Als Antje 97 und ich am Mittwoch eintreffen, liegen hinter den Musikern bereits zwei Tage Arbeit. Rain hat die Band für die Aufnahmen neu besetzt. Zum kaukasischen Kern – Rain Sultanov, Shahin Novrasli, Yasef Eyvazov und Irakli Koiava – sind drei erfahrene Studiomusiker gestoßen, die Cellistin Linnea Olsson aus Schweden, der japanische Kontrabassist Yasuhito Mori und der schwedische Drummer Peter Nilsson. Die ungewöhnliche Instrumentierung, die ethnische Vielfalt der Musiker und ihre breite Altersspanne – Linnea und Irakli sind Anfang 30, Yasef Anfang 60 – lassen ein spannendes Zusammentreffen erwarten. Gleichwohl plagen mich leise Zweifel, ob die Musik am Ende nach Aserbaidschan klingen wird, eingespielt in einem Studio fernab des Kaspischen Meeres, mit Leuten, denen unsere Naturerlebnisse zwischen Lahic und Absheron versagt geblieben sind.

 

Sieben Landschaften, sieben Stücke, sieben Musiker lautet Rains Formel. In jedem Stück wird ein Instrument im Vordergrund stehen. Die erste Aufnahme, die man uns vorspielt, kann meine Bedenken nicht zerstreuen. Es ist das Stück über die Hirkanischen Wälder, die ich kaum wiedererkenne. Schon allein, weil das – zugegeben großartige – Spiel von Shahin das Stück stark dominiert. Er klingt hier wie Keith Jarrett, stöhnt sogar wie dieser im »Köln Concert«. Im aserbaidschanischen Urwald aber hatten wir gar kein Piano dabei. Antje mahnt bei Rain »mehr Free Jazz« an. Soweit ist es mit meiner Frau schon gekommen. Ich vermisse vor allem die Präsenz von Irakli, er wirkt im Studio wie domestiziert. Das Schamanische, das von ihm unter freiem Himmel ausging, geht hier ihm und damit der Musik verloren. Dabei ist freilich beeindruckend, was aus den Bowers & Wilkins-Boxen in den Kontrollraum strömt; eine cinemascopische Filmmusik. »Herr Morricone« wird Rain folgerichtig von den anderen schon genannt. Für Jan Erik hat sich die Anrede »Godfather« eingebürgert. Irgendwann zeige ich ihm ein Foto von unserem in den Shirvan-Nationalpark verpflanzten Flügel. Mit Grauen wendet er sich ab. Was haben Menschen in seinem Studio zu suchen, die in der Steppe Klavier spielen? Der Steinway in seinem Studio, dessen Wohlergehen ein Thermo- und Hygrometer überwachen, wird mindestens einmal wöchentlich von einem Klavierstimmer überholt.
 

In den folgenden Tagen erleben wir, unter welch extremem Druck Rain steht. Diese Woche ist seine Chance, er muss sie nutzen. Nachts findet er kaum in den Schlaf. Tags packt er regelmäßig alle vier Sprachen, in denen sich hier verständigt wird, in einen Satz: Aserbaidschanisch, Russisch, Englisch und Deutsch. (Wenigstens sein Instrument macht es ihm sprachlich leicht: Mundstück heißt »Mundschtuk« im Russischen.) In seiner Verantwor- 101 tung für das künstlerische Resultat steht er bedauernswert einsam da. Jan Erik fühlt sich nur für die Aufnahme, den Klang und die Mischung zuständig, aus musikalischen Fragen hält er sich komplett heraus. Die anderen Musiker erwarten von Rain Führung und folgen ihm blind, allein Shahin und Peter geben gelegentlich Rat.

 

Der beeindruckend großzügige Aufnahmeraum erweist sich für unsere Filmaufnahmen schnell als schwierig. Das Licht ist norwegisch gedimmt; die Musiker benötigen viel Kaffee und wir 1600 ISO. Zwischen den Instrumenten klaffen Distanzen und blocken Wände; kaum je bekommt man zwei Musiker gemeinsam ins Bild. Anfangs bittet Jan Erik während der Aufnahmen Antje noch aus dem Studio heraus. Als er jedoch merkt, dass die Musiker an ihre Anwesenheit gewöhnt sie und sie keine Störgeräusche produziert, darf sie im Saal bleiben. Ich wundere mich, mit wie wenig Versuchen die Band auskommt. Nachdem Rain zu Beginn der Aufnahmen für ein neues Stück alle Musiker in »Einzelgesprächen« instruiert und man das Zusammenspiel kurz geprobt hat, geht es meist sehr schnell ans Aufnehmen. Mehr als dreimal wird kein Stück eingespielt, manchmal reicht ein einziger Durchlauf. Die typische aserbaidschanische Mentalität, sich mit dem einmal Erreichten, allein mit der zu Ende gebrachten Arbeit zufriedenzugeben, verkörpert Rain nicht. Im Gegenteil. Der in der Studioarbeit erfahrene Peter Nilsson bremst Rains Drang nach Perfektion gelegentlich aus: Die Musiker treffen sich nach dem zweiten Einspiel im Kontrollraum zum Hören. Rain ist nicht zufrieden, er will noch einmal raus und es ein drittes Mal versuchen. Peter bleibt sitzen. »Bist du müde?« »Ja. Und so wie es ist, ist es ist so schon sehr gut, Rain. Die kleinen Fehler beseitigt Jan Erik, da kannst du ihm vertrauen. Es wird nicht besser, wenn man es wieder und wieder spielt. Die Energie ist raus und dann hört man den Druck und den Stress, es besser machen zu wollen.« Vereinzelt werden Instrumente im Nachhinein solo aufgenommen und nachträglich in die Mischung eingefügt. Da wird es dann ein bisschen unheimlich, welche Zaubereien Jan Erik mit der Computermaus in seinen oszillierenden Diagrammen vollbringt.

 

Dieser Zauberruf schlägt sich erstaunlicherweise nicht im Preis seiner Dienste nieder. Anfangs hielt ich Rains Vorhaben, die CD im »Rainbow« aufzunehmen, für unbezahlbar. Bis wir uns überzeugten, dass man ein – sehr viel schlechteres – Studio in Istanbul oder Tiflis kaum für weniger Geld bekommt. 7500 Euro kosteten Aufnahmen und Abmischung all inclusive. Jazzmusik ist für keinen an der Produktion Beteiligten die Lizenz zum Gelddrucken. Und wenn Musiker ihre Werke nur in Kleinstauflagen verkaufen, kann eben ein Studio, in dem diese Platten aufgenommen werden – und sei es noch so renommiert – nicht teuer sein. Immerhin hat der Ruf von Jan Erik Kongshaug dafür gesorgt, dass das Rainbow-Studio die allgemeine Krise der Musikindustrie bislang überlebt. Sechs andere Studios in Oslo, einst genährt von der lebendigen norwegischen Szene, haben dies nicht 105 geschafft. Besonders eklatant wirkt die materielle Entwertung der Musikproduktion natürlich in einer Stadt, in der man für ein Kneipenbier genusstötende zehn Euro auf den Tresen blättert. Am Donnerstag, vom langen Studiotag vertrocknet, steigen Antje, Peter Nielsson und ich erst dem schnieken Opernhaus – berühmt geworden durch’s Dekolleté der deutschen Kanzlerin – aufs Dach und dann der Gastronomie in den gierigen Schlund. Rain, Shahin und Irakli arbeiten derweil noch im Studio. Der GIZ-Vertrag deckt hier nur die Zeit von 10 bis 17 Uhr ab, Überstunden bezahlt Rain privat. Spät am Abend telefonieren wir. Unsere Aseris haben natürlich im multikulturellen Oslo ohne Probleme ein türkisches Restaurant gefunden und müssen so auch an der Nordsee auf ihr geliebtes Kebab nicht verzichten.

 

An diesem Tag erledigen sich dann auch meine Sorgen, die in Aserbaidschan geborene Musik könne in Norwegen einen frühen Kindstod sterben, erlegen dem süßen Gift des Wohlklangs, verhungert und verdurstet fernab der heimischen Berge, Seen und Wüsten, sterilisiert in einem von allen Klimazonen dieser Welt entkoppelten Studio. Die Natur gibt nun endlich zurück, was ihr nicht zu nehmen ist. Nie hätte das »Wild Winds of Hirkan« genannte Stück so kraftvoll geklungen, wäre den Musikern dort nicht der Sandsturm ins Gesicht gefahren. Rain musste die Gazella subguttorosa selber gesehen und gehört haben, um hier in seiner Studiokabine wieder und wieder darum ringen zu können, mit den Klappen seines Saxophons dem tierischen Getrappel nahe zu kommen. Und wie hätte er Irakli losschicken wollen, ihm bei einem gut sortierten Osloer Musikalienhändler ein Instrument zu besorgen, dessen Klang dem Gegrunze der Gobustaner Schlammvulkane nahe kommt, wenn er dieses Blubbern nicht auf seinem Tonrekorder verewigt hätte. (Mit einer afrikanischen Udu kommt Irakli zurück. Das Ergebnis klingt faszinierend.)
 

Am Freitag, die Musiker sind schon auf dem Weg nach Hause, nur Rain ist in Oslo geblieben, um mit Jan Erik die Mischung der CD fertigzustellen, treffen wir uns mit ihm im nun leeren Studio zu einem letzten Gespräch vor der Kamera. »Wie lebendig waren denn hier noch deine Inspirationen von zu Hause, aus den aserischen Bergen, aus der Steppe, von der Küste?« – »Ich musste nur die Augen schließen und die Bilder waren sofort wieder da. Ohne die Natur im Kopf hätten wir die Musik nicht spielen können. Hätte es diese Musik so nicht gegeben.«

 

Wir fragen ihn auch, ob er vor der Größe der Aufgabe, vor dem Moment, in dem sein Traum verwirklicht werden sollte, ein bisschen Angst gehabt habe. Rain verneint. Als wir gemeinsam in den Kontrollraum zurückkehren, finden wir Jan Erik am Mischpult vor, in einer Hand Zellstoff, mit der anderen wischend. Gerade hat er seinen Kaffeepott umgeworfen. Rain lacht: »Ihr wolltet doch wissen, wovor ich Angst hatte? Das kann ich Euch jetzt sagen: Davor, dass alle unsere Aufnahmen in der Festplatte stecken und Jan Erik eine Tasse Kaffee darüber kippt.«

 

 

 

 

Text by Thomas Melzer

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